Montag, 26. Mai 2014

Was ist ein Energieinformatiker?

Und schon sind wieder zwei Semester meines Studiums vergangen — die letzten zwei Semester. Im Sommer 2013 standen eher allgemeinbildende Fächer auf dem Programm, u.a. Kommunikation, Projektmanagement, Qualitätsmanagement, Prozessmanagment. Im vergangenen Winter hatte ich eine Masterarbeit zu schreiben. Und jetzt ist alles Geschichte: am Freitag flatterte der definitive Bescheid ins Haus.


Im Fach Kommunikation hatte ich einen Englischkurs am PC zu absolvieren. Das scheint auf den ersten Blick banal, wenn man seit zwanzig Jahren beruflich fast täglich mit englischsprachigen Kollegen zu tun hat und schon über zwei Jahre im Ländern verbracht hat, die ehemals der britischen Krone unterstanden. Aber hoppla, ich hatte den technischen Fortschritt bei der Lernsoftware unterschätzt: alle Module waren sehr praxisorientiert, enthielten Fotostories und Dialoge zum Anhören; der Aussprachetrainer — jawohl, man spricht zum Computer — erwies sich als ausgesprochen pingelig, sodass ich an meiner Aussprache und Betonung zu feilen hatte, bevor es weiterging.


Der technische Fachwortschatz für Energiebelange war ziemlich umfangreich und oft überraschend anders: von Fernheizung kommt man nicht sofort auf district heating, und Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) wird paarweise genau umgekehrt sortiert, nämlich chlorofluorohydrocarbon (CFC). Ein ausgezeichnetes dreitägiges Kommunikationsseminar mit den Schwerpunkten Präsentationen und Mitarbeitergespräche rundete das Programm ab.

Auch im Fach Projektmanagement warteten ein paar Überraschungen für denjenigen, der gedacht hatte, nach zwanzig Jahren Projekterfahrung zu wissen, wie man Projekte führt. Der Dozent schaffte es, in einem gut 150 Seiten starken Skript eine griffige und praktische Methode zu vermitteln, die sich auf eine grosse Bandbreite von Projekten anwenden lässt und das Projektrisiko vermindert, ohne dass unnötige Dokumente zu erstellen und zu pflegen sind. In einer praktischen Gruppenarbeit war über das Semester ein Projekt zu planen und zu führen, wir entschieden uns für das Thema 2, «Länderübergreifender Windpark», und bauten ein fiktives Windkraftwerk in den Bodensee. Die fünf Gruppenmitglieder waren über Deutschland und die Schweiz verteilt, sodass es galt, die Arbeit über Skype und Email zu koordinieren und die Ergebnisse in Microsoft SharePoint zu erarbeiten (ich erspare mir hier abfällige Bemerkungen über das Tool).

Ebenfalls unerwarteten Erkenntnisgewinn gab es im Fach Prozessmanagement, denn ich war seit langer Zeit ein grosser Skeptiker der "Prozessitis" in den Unternehmen gewesen. Zwar galt es hier, sich durch 500 Seiten eines Standardwerks1 zu kämpfen, aber der Ansatz überzeugte mich in seiner Radikalität. Die Umsetzung dürfte aber schwierig sein, denn anstelle einer funktionalen Unternehmensgliederung in Divisionen, Abteilungen, etc. wird die Firma entlang seiner Wertschöpfungsprozesse aufgeteilt: ein Prozess ist nicht mehr ein Ablaufbeschrieb sondern eine Unternehmenseinheit, die aus Leuten besteht, welche genau einen End-to-Endprozess betreiben, überwachen und laufend verbessern. Jeder Geschäftsprozess beginnt dabei immer beim Kunden und endet immer beim Kunden.

Ein noch grösserer Skeptiker war ich gegenüber ISO 9000. Ich war bisher der Meinung, man müsse Qualität "vorne" ins Produkt einbauen statt sie "hinten" ins Produkt hineinzuprüfen oder hineinzutesten. Auch hier lehrte mich ein sehr gutes Skript eines besseren. Und jetzt weiss ich sogar, dass man sich ISO 9001 (nicht ISO 9000!) zertifizieren lässt, und dass der ISO 900x-Standard im Kern ein sehr knapp gehaltenes Werk ist (12 Seiten für ISO 9000, 15 Seiten für ISO 9001). Nicht zufällig wurde ich letzte Woche bei Paranor zum QMB ("Qualitätsmanagementbeauftragter") bestimmt, weil die Führung von Paranor beschlossen hat— ohne meine Anregung oder mein Zutun !—, dass wir uns ISO 9001 zertifizieren lassen wollen. Eine gewisse Skepsis bleibt mir dabei, aber jetzt kann ich wenigstens mit etwas Hintergrundwissen urteilen. Und ich glaube, dass uns diese Zertifizierung tatsächlich Nutzen bringen wird.

Ab Mitte Oktober stand dann die Master Thesis mit einem vorgegebenen Aufwand von 450 Stunden an. Um es vorweg zu nehmen: natürlich haben die 450 Stunden am Ende nicht gereicht …
Es war nicht ganz einfach gewesen ein Thema resp. einen Betreuer zu finden, zumal ich etwas Angewandtes in der Schweiz machen wollte. Prof. Urs Muntwyler vom Photovoltaiklabor der Berner Fachhochschule Burgdorf dachte sich ein Thema für mich aus: «Konzeption und Protoyping eines
Smart-Grid-Leistungsmanagements für elektrische Sanitärverbraucher in einem Mehrfamilienhaus».


Wenn man "Sanitärverbraucher" durch "Durchlauferhitzer" ersetzt, dann kann man sich schon halbwegs etwas vorstellen. Das Poster (oben), welches den praktischen und leicht verständlichen Teil meiner Arbeit zusammenfasst, sagt einleitend und zugleich zusammenfassend:
Die zentrale Aufbereitung des Trinkwarmwassers und dessen dezentraler Konsum in Mehrfamilienhäusern leidet unter grossen Wärmeverlusten bei der Bereitstellung und Verteilung. Nahe an den Zapfstellen installierte elektrische Durchlauferhitzer haben vernachlässigbare Bereitstellungs- und Verteilungsverluste. Sie liefern das Warmwasser gradgenau und innert Sekunden. Dazu beziehen sie dreiphasig elektrische Leistungen von bis zu 27 kW. Laufen in einem Mehrfamilienhaus gleichzeitig viele Durchlauferhitzer mit hoher Leistung, können sie in der Summe eine Überlastung des Hausanschlusses verursachen. (...)
In einem Prototypenprojekt sollte die technische Machbarkeit und die Wirtschaftlichkeit eines Produkts zur Begrenzung der kollektiven Maximalleistung der Durchlauferhitzer in einem Mehrfamilienhaus geprüft werden. (...) 
Eine Laboranlage demonstriert mit handelsüblichen Komponenten die prinzipielle Wirksamkeit der Steuerung und deren intuitive Bedienung.
Wer sich nun vor lauter Interesse für die Arbeit nicht mehr halten kann, dem sei das kurze Studium des Posters empfohlen (PDF). Die 120 Seiten der Master Thesis werden sich die wenigsten antun wollen. Für mich war die Arbeit sehr interessant. Mein Betreuer gab mir fast vollständige Freiheit, ich erhielt sehr viel wertvolle Unterstützung von der Firma Clage in Lüneburg, welche mich zum Besuch ihrer Firma einlud und mich zwei Tage ins Büro ihrer Informatiker setzte, wo ich den Grundstein für meine Software-Steuerung legen konnte. Das also machen Energieinformatiker zum Beispiel. Sehr motivierend! Dass ich die anfänglich anvisierte DigitalStrom-Technologie für die Gebäudeautomation letztlich nicht einsetzen konnte, war zu verschmerzen.

Inzwischen arbeite ich bei Paranor AG wieder 80%. In den "anderen" 20% versuche ich mich in die Schweizer Energiewirtschaft einzuarbeiten, oder auch ganz einfach das zu tun, was in den letzten zweieinhalb Jahren liegenblieb oder zu kurz kam. An einem Workshop bei Paranor kamen wir letzte Woche zum Ergebnis, dass die Energiewirtschaft mehrere Chancen bietet, dass wir uns diesen Markt aber wohl Stück für Stück werden eröffnen müssen. Vielleicht heisst es dann eines Tages: Paranor Engineering AG, Energieinformatik ;-)  Aber grundsätzlich stünden mir jetzt natürlich auch noch andere Wege offen. Nur selbständig machen werde ich mich nicht, das weiss ich.

1 Geschäftsprozessmanagement in der Praxis von Schmelzer und Sesselmann

Donnerstag, 14. März 2013

Langsam bereit für die Energiewende

18 Monate und gefühlte 10'000 Seiten Studienmaterial später habe ich endlich wieder einmal die Musse, "Coooo-eeee" zu rufen!


Es sind Semesterferien, und die Semesterendprüfungen liegen bereits hinter mir. (Zur Erinnerung: im Oktober 2011 begann ich ein berufsbegleitendes Fernstudium in Energiemanagement an der Universität Koblenz-Landau in Deutschland, die auch diverse andere Fernstudienlehrgänge für ca. 2'000 Studenten wie mich anbietet, während das "Kerngeschäft" bei den rund 10'000 Vollzeitstudenten liegt. In Energiemanagement sind pro Studienjahrgang etwa 60 Studenten eingeschrieben. Das Studium schliesst mir einem Master of Science ab, ist in acht Module aufgeteilt und flexibel gestaltet, indem man jedes Semester aufs Neue selbst den Gang einlegen kann: 1. Gang = 1 Modul; 2. Gang = 1.5 Module; 3. Gang = 2 Module. Fährt man das ganze Studium im 1. Gang, dauert es also vier Jahre, im 2. Gang drei Jahre und im 3. zwei Jahre. Meine Tätigkeit bei Paranor AG reduzierte ich zum Studienbeginn auf 60%.)

Ein Semester sieht jeweils so aus, dass man ein Päckli mit Skripten zu den gewählten Modulen erhält. Pro Modul kommen so 500 bis 900 Seiten zusammen, die in Skripten für verschiedene Fächer aufgeteilt sind, oder es werden Standardwerke verwendet …


Das erste Semester begann gleich mit Thermodynamik (das ist die Physik der Wärme, im Bild ganz links) und elektrischer Energietechnik auf der technischen Schiene; mit Rechnungswesen, Investitionsrechnung, Umweltökonomie, nachhaltigem Stoffstrommangement, Marketing, etc. auf der ökonomischen Schiene. Im zweiten Semester folgten die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen der Energiewirtschaft (dritter Stapel von links), sowie rationelle Energieanwendung, Kraftwerkstechnik, technische Gebäudeausrüstung, etc. Noch interessanter war das dritte Semester mit den erneuerbaren Energien (fünfter Stapel von links) sowie mit den dezentralen Energiestrukturen, dem Energiemanagement in Gebäuden und Unternehmen, etc. Die Skripten sind über alles gesehen sehr gut; es hatte einige Perlen darunter, andere verursachten durch Ungenauigkeiten und durch den Versuch, zu viel Stoff auf zu wenigen Seiten zu erklären, viel Zusatzaufwand und die Notwendigkeit nach weiterem Lesematerial (Amazon sei dank, Stapel ganz rechts).

Zweimal im Semester gibt es Präsenzwochenenden an der Uni in Koblenz, wo die Autoren der Skripten Themen erläutern, Übungen vorlösen und Fragen beantworten. Bei diesen Gelegenheiten konnte ich mich regelmässig von der Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn überzeugen, und wir sprechen hier nicht von 10 Minuten sondern von einer halben Stunde oder mehr, so viel jedenfalls, dass man immer gerade den Anschlusszug verpasst, während der eigene Zug jeweils alle Anschlüsse abzuwarten scheint.

Ebenfalls zweimal im Semester hat man für jedes Fach eine Aufgabenserie zu lösen und einzusenden. Ist bei jeder Serie mindestens die Hälfte der mögliche Punkte erreicht, ist man an die Prüfung zugelassen. Geprüft wird in einem Netzwerk deutscher Fernuniversitäten, deren Prüfungen alle zum exakt gleichen Zeitpunkt in vielen, über ganz Deutschland verteilten Studienzentren stattfinden. So stand jeweils nur eine Fahrt nach Karlsruhe statt nach Koblenz an, das noch etwa zwei Bahnstunden weiter nordwestlich liegt.


Zuerst musste ich wieder lernen lernen, schliesslich waren seit ETH-Zeiten 20 Jahre vergangen, in denen ich nie mehr ein Fachbuch zu Ende lesen, geschweige denn darüber eine Prüfung ablegen musste — und zum Schluss sogar noch eine Note erhielt. Es ist ein alte Weisheit, wenn ich jetzt hier anmerke, dass der Stoff mit zunehmendem Alter nicht mehr so leicht haften bleibt. Aber es ist leider so. Oftmals las ich ein Script nach Wochen ein zweitesmal und wunderte mich, wer hier schon Passagen angestrichen oder Notizen gemacht hatte … Trotzdem war es eine sehr bereichernde Erfahrung und eine Bestätigung, dass ich mit 47 noch umfangreichen Stoff begreifen und auf einen bestimmten Zeitpunkt in den Speicher laden kann, auch wenn der Zeitaufwand dafür im Steigen begriffen ist.

Der Lernstoff jedes Semesters war immer noch umfangreicher als für das vorangegangene. Das ist der Grund, weshalb von meiner Seite auf fast allen Kanälen weitgehend Funkstille herrschte; ich hoffe, das wird jetzt wieder besser. Nach dreimal zwei Modulen pro Semester mit sehr grossem Zeitaufwand (mein Mountain Bike sah letzten Sommer keine zehnmal das Licht), schalte ich jetzt einen Gang herunter: Modul 7 (Sommer 2013) sei noch umfangreicher als die bisherigen, und für die Masterarbeit (Winter 2013/14) möchte ich genügend Zeit haben. Wenn weiterhin alles nach Plan läuft, dann bin ich in genau einem Jahr durch. "She'll be apples, mate!", sagen die Australier, "Wird schon gut gehen!".

Und dann? — Dann werde ich es erst einmal geniessen, "nur" meinen day job zum machen. Und dann muss ich mir langsam überlegen, wie ich Energiemanagement mit Informatik verbinden soll; im Moment herrscht in der Schweiz in Energiefragen so richtig Aufbruchstimmung, das ist motivierend! Und dann steht vielleicht auch wieder einmal eine längere Reise auf dem Programm, schliesslich haben wir Kasbah ja für Südamerika konzipiert. Dass er in Australien seinen ersten Einsatz haben würde, war nie geplant. Aber bis dahin müssen wir mit Camping im Europa-Stil vorlieb nehmen.


Als kleiner Bezug zu Coooo-eeee und Australien erhalten wir im April und im September Besuch von Freunden aus Melbourne. Das gibt dann zweimal Tour-de-Suisse :-)

Dienstag, 6. September 2011

Sechs Monate später

Coooo-eeee! Genau gestern vor einem halben Jahr bin ich wieder in Kloten gelandet. Es ist wahr: die Zeit fliegt.

Heute schon übers Velo gehüpft?

Als ich die Blog-Serie Mitte Mai abschloss, waren die Eindrücke aus Australien noch frisch und meine berufliche Zukunft noch offen. Mittlerweile stehe ich wieder im schweizer Erwerbsleben und versuche, mich nicht zu gründlich vom allgemeinen Stress vereinnahmen zu lassen, der alle zu lähmen scheint. Im Zeitalter von Facebook ist es schwierig geworden, gewisse Freunde und Bekannten persönlich zu treffen. Everyone is busy all the time. Setzt Euch doch für morgen einmal nur halb so viele Ziele! Nehmt Euch Zeit, mal etwas langsam zu tun, und tut es dafür mit mehr Freude! Zeit haben ist der neue Luxus! Lacht mehr, Leute, es geht uns ja unheimlich gut!


Das Fitnessprogramm, das ich mir im März verordnete, hat seine Wirkung noch nicht wirklich gezeigt; bleibt nur zu hoffen, dass einige der überzähligen Kilos von Fett zu Muskeln geworden sind :-)

Das Time-out nach unserem Abschied von Melbourne nahm ich zum Anlass, mir etwas tiefere Gedanken über meine berufliche Entwicklung zu machen. Fast 20 Jahre habe ich seit dem Abschluss des Studiums bereits gearbeitet, 20 Jahre stehen noch an. Will ich wirklich nochmals 20 Jahre lang Software entwickeln? Will ich mich weiterhin alle zwei oder drei Jahre in komplett neuen, immer komplexer werdenden Programmcode hineinwühlen? Wie lange würde ich mich noch gegen die "Konkurrenz" der jungen Programmierer durchsetzen können? — Bei der schwindelerregenden Rate, mit der neue Technologien eingeführt und miteinander integriert werden wollen, hat Erfahrung eine Halbwertszeit von bloss ein oder zwei Jahren. Will ich wirklich nochmals 20 Jahre im Umfeld von Banken und Finanzen mein Geld verdienen? Die nüchterne Analyse ergibt nämlich, dass ich vom Finanzwesen immer noch kein konkrete Ahnung habe. Wie soll ich da Seniorität und Erfahrung ausspielen?


Eines schönen Tages, auf der Fahrt durch South Australia, wurde mir bewusst, wie wenig die Australier alternative Energien nutzen. Stattdessen werden über 90% des elektrischen Stroms aus Braunkohle gewonnen; all die Sonne, die Wellen und der Wind werden noch kaum genutzt! Zurück in der Schweiz musste ich dann leider feststellen, dass auch da ein beschämender Nachholbedarf besteht, wenn man mit Deutschland oder Österreich vergleicht, wo jedes fünfte Haus und jedes zwanzigste Industriedach mit Solaranlagen bestückt sind. Dagegen muss man doch etwas tun!

Ich stand noch am Anfang meiner Analyse, als in Japan der Tsunami einschlug, und seither ist die "Energiewelt" nicht mehr dieselbe. Der Bundesrat beschliesst den Ausstieg aus der Kernenergie — aber wer implementiert die Alternativszenarien? Ein äusserst spannendes Feld, in das in den nächsten zwei Jahrzehnten immense Budgets investiert und Fachleute rar sein werden.


Kurz: ich entschied mich zum berufsbegleitenden Master-Studienlehrgang Energiemanagement an der Universität Koblenz-Landau in Deutschland. Das ist eine dreijährige Weiterbildung im Fernstudium für Inscheniöre und Ökonomen. Ich musste mich bewerben und wurde auf den 1. Oktober zugelassen. In der Schweiz habe ich leider keine vergleichbare Ausbildung gefunden.

Fast gleichzeitig beschloss ich, zu meinem früheren Arbeitgeber, Paranor AG, zurückzukehren — erstens war ich aus gutem Grund zwölf Jahr dort gewesen; zweitens gibt es neue, spannende Projekte und einen frischen (sprich: verjüngenden) Wind; und drittens geniesse ich dort das Privileg, Teilzeit arbeiten zu können, was die Weiterbildung überhaupt erst möglich macht. Seit Juni arbeitete ich 80%, ab Oktober noch 60.

Somit sind längere Reisepläne vorerst auf Eis. Das hielt mich aber nicht davon ab, so lange ich noch etwas Zeit habe, unseren Kasbah dennoch für weitere Abenteuer vorzubereiten und ihn innen erst mal etwas wohnlicher zu gestalten.


So werden wir ihn halt vorderhand als "Wohnmobil" missbrauchen. Dabei hilft die Vorstellung, dass man den Asphalt jederzeit verlassen könnte, wenn man nur wollte. Die Realität sieht — wie neulich im Südtirol — dann freilich anders aus. Macht nüt, s het trotzdäm gfägt!

Mittwoch, 31. August 2011

Melbourne "most liveable city 2011"

Ja, ein wenig trauere ich dem Jahr in Melbourne immer noch nach. Einer der Gründe ist sicher die hohe Lebensqualität, weswegen Melbourne eben von The Economist zur lebenswertesten Stadt 2011 erkürt wurde (BBC-Artikel (englisch) – danke Andrew!). Dies nachdem Vancouver die Liste während fast 10 Jahren angeführt hatte.


Die Rangliste:

  1. Melbourne
  2. Wien
  3. Vancouver
  4. Toronto
  5. Calgary
  6. Sydney
  7. Helsinki
  8. Perth
  9. Adelaide
  10. Auckland
(Orignal-Artikel)

Bild: Beat Ambühl

Bild: Beat Ambühl

Dienstag, 17. Mai 2011

Now give it a break

Es ist schon längst überfällig. Die Schränke in unserer neuen alten Wohnung sind eingeräumt.


Die Pflanzen auf dem Balkon sind ersetzt.


Unser Kasbah legte die letzten Etappe der Reise auf dem See- und dem Luftweg zurück und erhielt sogleich Auslauf im Jura.




Auf dem Steueramt sind wir wieder angemeldet — und haben bereits die erste Rechnung erhalten —, die Zahnkontrolle ist durch und beruflich komme ich langsam wieder auf geordnete Bahnen :-)

Das Wetter hat es unterdessen gut mit uns gemeint, was die "Re-Integration" erleichterte und meinem Fitnessprogramm förderlich war.


Zeit also, den Coooo-eeee-Blog vorderhand stillzulegen. So vieles hätte es noch zu schreiben gegeben, mindestens 15 Einträge habe ich als Entwürfe — oder auch nur als Titel — angefangen: Bahbie; Camping Part 5, 6 und 7; Warum das Tram ruckelt; Der Hut des Crocodile Dundee; Die Sache mit der Ökologie, und viele andere. Aber es kommt mir fremd vor, in Bern zu sitzen und weiterhin über Australien zu schreiben. Ich denke sehr gerne an unsere Zeit in diesem wirklich faszinierenden Land zurück. Manchmal wünsche ich mir, dort zu sein statt in der Schweiz, wo man in der Migros angemacht wird, wenn man die verschiedenen Arten Spaghetti auf dem untersten Regaltablar studiert und dabei den Durchgang für einige Sekunden blockiert.

Wenn wir nächstesmal nach Australien gehen, werde ich den Blog vielleicht fortführen. Bis dahin danke ich allen Lesern für die Zeit, die Ihr dem Folgen meines Blogs gewidmet habt, und für die positiven Feedbacks, mit denen Ihr mich angespornt habt. Es hat Spass gemacht zu recherchieren, zu schreiben und zu fotografieren; so habe ich selbst eine Menge gelernt und Australien mit anderen Augen angeschaut.

Wer selbst eine Reise nach Austalien plant, soll vor allem bedenken, wie riesig Austalien ist. Um einmal ringsum zu fahren sind 12 Monate wohl die bessere Planung als nur 6. Für einen "Kurzaufenthalt" von 3 bis 4 Wochen wären Victoria oder South Australia geeignete Regionen ohne dass man auch noch nach Sydney, Alice oder Brisbane fliegt.

Thanks and Coooo-eeee!
--
oliver

Mittwoch, 27. April 2011

Aussie Speak — Zugabe

In meinem letzten Blog-Eintrag habe ich ganz vergessen, die aktuelle australische Premierministerin, Julia Gillard, zu Wort kommen zu lassen.


Nun bin ich letzte Woche auf ein kürzliches Radio-Interview gestossen, in dem der Moderator, Alan Jones, sie auch kaum zu Wort kommen liess.



Download Interview

Was höre ich?
Ein eingespieltes Beispiel aus einer Diskussionssendung über Manieren im heutigen Australien (ABC National, AustraliaTalks)

Worauf achten?
Julia Gillard stammt aus Adelaide. Aber es geht hier weniger um ihren Dialekt als um die Tatsache, dass der Moderator sie mit "Julia" anspricht, während normalerweise "Prime Minister" oder allenfalls "Miss Gillard" verwendet wird. Auch fällt er ihr dauernd ins Wort. Sie weiss sich allerdings zu wehren.

Man stelle sich als Kontrast ein gesittetes Interview von Radio DRS mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey vor.

Generell kann man sagen, dass die städtischen Australier gut artikuliert sind, gezielt und fair diskutieren, und dass sie rasch auf den Punkt kommen. Sie werden von klein auf trainiert, andere von eigenen Ideen zu überzeugen. Holt man in einer Sitzung, in der Fakten diskutiert werden, etwas aus, so wird man schnell einmal aufgefordert, doch bitte auf den Punkt zu kommen, "can you cut to the chase, please?" (der Ausdruck stammt aus dem Film-Jargon, chase ist die Verfolgungsjagd).

Dienstag, 19. April 2011

Aussie Speak

Dass die Australier eine etwas eigenwillige Aussprache haben und teilweise eigene Wörter für Dinge verwenden ist mittlerweile allen bekannt. Arvo, Barbie, Billabong, Brekkie, Dinkum, Dunny, G'day, Joey, Jumbuck, Pommy, Simmo, Snag, etc. ist ein Vokabular, an das man sich zuerst gewöhnen muss, wobei diverse Web-Seiten helfen.

Dass die Australier mit praktisch geschlossenem Mund sprechen, damit keine Fliegen hineingeraten, kann ich nicht generell bestätigen. Aber wie tönt denn nun Australisch? – Diese Frage ist fast so schwierig, wie die Frage nach dem Schweizerdeutsch. Natürlich gibt es klare Muster, aber die variieren regional und von Familie zu Familie. Im Folgenden habe ich sechs mehr oder weniger typische Beispiele als Video- und Audiodateien zusammengetragen.

Hinweis für Leser, die eine Email-Benachrichtigung dieser Seite lesen: ich kann nicht vorhersagen, wie sich dieser Blog-Eintrag in Bezug auf die referenzierten Audio-Datein verhält. Im Zweifelsfall musst Du den Eintrag direkt auf der Webseite lesen.

Zuerst zwei Fernsehreklamen der ANZ-Bank, welche für besonders freundliche Kundenbetrerung werben. Bei der ersten einfach einmal zuhören.

Video 1 auf Youtube ansehen.

Welche Sprachmuster kannst Du im folgenden Video erkennen?

Video 2 auf Youtube ansehen.

Die Antworten befinden sich ganz unten auf der Seite.

Nun vier Interviews aus Radiosendungen, die von relativ wenig sprachlicher Kolorierung zu immer stärkerer "Färbung" gehen.



Download Interview 1

Was höre ich?
Ein Ausschnitt aus einer Diskussionssendung zur Zunkunft von eBooks (ABC National, AustraliaTalks)

Worauf achten?
Einfach mal zuhören und zu verstehen versuchen. Welche Sprechmuster aus Video 2 erkennst Du?




Download Interview 2

Was höre ich?
Ein Ausschnitt aus einem Interview mit Prof. Peter Mitchell über die kürzliche Entdeckung des Grabes des Buschpolitikiers und Aborigenee Bennelong (Radio ABC National, Hindsight)

Worauf achten?
Das "that's exactly right" als Antwort auf eine Frage.
Das here, welches wie das Deutsche "hia" klingt.
Das sehr weiche "th" der Sprecherin, das in Wörtern wie website oder hindsight fast tönt wie das Deutsche "sch". Das ist sehr typisch vor allem für Frauen.




Download Interview 3

Was höre ich?
Ein Ausschnitt aus einem Interview mit einem Lokomotiven-Restaurateur in Tasmanien (ABC Rural Reporter, Loco engine overhaul)

Worauf achten?
Das "i" in Wörtern wie cylinder und drill wird ähnlich wie das Hochdeutsche "ü" ausgesprochen.
Wiederum das here, welches wie das Deutsche "hia" klingt.
Day wird nicht wie das Berndeutsche "ei" sondern wie "äi" gesprochen. Sehr typisch Australien.
Hour ist nicht wie das Hochdeutsche "auer" sondern wie "eea" ausgesprochen.




Download Interview 4

Was höre ich?
Ein Ausschnitt aus einem Interview mit einem Farmer aus Queensland, der 140 alte Traktoren besitzt (ABC Rural Reporter, A super lot of tractors)

Worauf achten?
Das "i" in Wörtern wie time und like wird wie das Deutsche "oi" gesprochen.
Das ist richtiger Outback-Englisch-Sing-Sang. Durch die Nase schnell und für Ungeübte recht undeutlich gesprochen. Wer hier auf Anhieb alles versteht, ist für Reisen abseits der australischen Städte prädestiniert.


Antworten zu Video 2
Der britisch-englische Laut, der klingt wie 
  • das Berndeutsche "ei", wird in Australien meist als "äi" ausgesprochen: late, waste, waiting, complaint, go away (Beispiele aus dem Video)
  • das Hochdeutsche "ei", wird oft als "oi" ausgesprochen: sign you up, my, I
  • das Hochdeutsche "a", wird meist als "ä" ausgesprochen: half, asked, department
  • das Hochdeutsche "e" (z.B. Zelt), wird oft wie ein "i" (Zilt) ausgesprochen: whatEver
Die beiden letzten Punke kommen in Video 2 nicht sehr deutlich hervor, aber achte in den Radio-Interviews darauf.