Mittwoch, 7. Januar 2015

SYDNYE – Teil 2

Wie viel das Feuerwerk kostete • Wo das Gedränge erträglich und die Sicht auf das Feuerwerk frei war • Was nach dem Feuerwerk passiert • Weshalb SYDNYE nicht (mehr) der Brüller ist. 

Geschätzte 1.6 Mio Zuschauer haben das Feuerwerk direkt mitverfolgt. Wenige Privilegierte schauten es sich von einer gut gelegenen privaten Terrasse oder Yacht an und setzten dann ihre Silvesterparty fort. Alle anderen zogen sich, wie im letzten Eintrag dargelegt, mit dem Wunsch, das Spektakel vor Ort zu sehen, unter Umständen ein ganzes Tagesprogramm "ins Boot".

Zu den 12 Minuten des eigentlichen Feuerwerks kann ich nur so viel sagen: Wow! Hier sind die Highlights (Youtube, 90 sec):


(Das 7.2-Mio-Dollar-Feuerwerk in der vollen Länge gibt's hier).

Nachdem wir am Vorabend noch etwas mit unserem Gastgeber gesprochen hatten, der uns dazu riet, nicht in Panik zu verfallen und uns nicht auf ein halbherziges Angebot zu stürzen (Stichwort Taronga-Zoo für $60), entschieden wir uns für den Observatory Point. Das ist ein erhöhter Park westlich der Brücke, mit einem wunderbaren Blick auf die Brücke und auf mehrere Arme des Hafens. Er ist nicht ganz so einfach zu erreichen wie der Botanic Garden, ist zwar auch Security Managed und alkoholfrei, öffnet aber erst um 12 Uhr mittags, hat Schatten, gute Aussicht für alle und füllt sich nicht so schnell. Mit Decke, Picknick, Lesestoff und Feldstecher bewaffnet, besetzten wir am Nachmittag ein Bänkli unter einem riesigen Baum. Das Ganze erinnerte stark and ein Open-Air-Konzert, wo man bereits nachmittags eintrudelt, aber eigentlich nur die Hauptgruppe am späten Abend sehen will.


Am Einlass zur wie beschrieben abgesperrten Zone wurden Tascheninhalte kontrolliert (no alcohol, no glass, etc.). Von Beginn weg hatte es relativ viel Sicherheitspersonal in gelben Westen, plus eine Gruppe Polizisten (drei Männer, eine Frau), die das überschaubare Gelände … äh … betreuten. Zwei Personen in orangen Westen sammelten laufend Abfall ein, auch wenn es davon nur wenig gab. Da der Park nach vorne abfällt, hatten alle eine ziemlich freie Sicht, und so entstand kaum Gerangel, was wiederum Langeweile für die Sicherheitskräfte bedeutete.

Um 18 Uhr das Air Display (Flugshow). Kurzum eine müde Sache. In der Schweiz hätte mindestens die Patrouille Suisse ihre Aufwartung gemacht, am SYDNYE waren es zwei Akroflieger mit Rauchschweif, die unspektakuläre und je länger je weniger koordinierte Kreise zogen.

Das Kinderfeuerwerk um 21 Uhr war bereits vielversprechend und das Hauptfeuerwerk, wie erwartet, ein Feuermeer am Himmel. Ein paar Effekte an der Ostseite der Brücke konnten wir nur erahnen, was aber das Erlebnis nicht schmälerte. Da die Zone alkoholfrei war, gab es um Mitternacht kein Korken-Knallen oder Gläser-Klirren, was ohnehin im Feuerwerksgewitter untergegangen wäre.

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Jubel, Applaus und Glückwünsche allerseits nach dem Schlussbouquet. Und kurz darauf ging überraschend— und wie im Kino — das Licht an.


Der Jubel verebbte, alle wandten sich zum Gehen und verliessen die Zone unter Betreung durch die Sicherheitskräfte. Ein mehr oder minder stummer Tatzelwurm trottete den signalisierten Korridor zur Innenstadt ab. Aus allen Gassen ergossen sich mehr Menschen in den Hauptstrom. Aber alles war unter Kontrolle. Ein paar Übermütige kletterten auf eine Absperrung und riefen "HAPPY NEW YEAR!"



Je mehr wir uns dem Martin Place näherten, umso mehr Polizei — zumeist zu Fuss, teilweise beritten — und Einsatzfahrzeuge säumten den Strom. Ein bedrohlich aussehender, schwarzer Geländewagen mit der Aufschrift "Riot Squad & Public Order" mit schwarz gekleideten Polizisten stand am Weg. Eine Million Leute zu Fuss in der Innenstand, ruhig, zu ruhig. Man hätte meinen können, die Australische Cricket-Nati habe in London gerade tragisch gegen England verloren, und die Leute seien auf dem Nachhauseweg vom Public Viewing. Ganz sicher konnte heute nicht Silvester sein!

Jeannine hattwe am Morgen noch die gute Idee gehabt, wir könnten doch eine Flasche Prosecco im Kühlschrank bereitstellen, aber ich machte den Gegenvorschlag, dass wir auf dem Heimweg in einem Pub aufs Neue Jahr anstossen. Doch offenbar war die ganze Innenstadt "trocken", die Restaurants, Bars und Bottle Shops waren um 00:45 bereits zu. Wir rieben uns die Augen und gingen am Ende ohne anzustossen ins Bett.

Was war passiert? — Nun, da muss ich etwas tiefer gehen. Australien ist erstens eine Insel, auf der es im Wesentlichen noch nie Krieg oder terroristische Aktionen gab, und auf der man — abgesehen von all den giftigen Tieren ;-) — ein sehr, sehr sicheres Leben lebt. Da sich Australien aber an vielen militärischen UN-Missionen beteiligt (zuletzt in Afghanistan), wähnt man sich dauernd als potentielle Zielscheibe von Islamisten. Die Regierung betreibt gern Panikmache, die Medien bauschen unbedeutende Zwischenfälle zu Ereignissen von nationaler Gefährdung auf. Beides verunsichert die Bevölkerung.

Zweitens wird Australien von einem Zwei-Parteien-System mit Oppositionspolitik reagiert. Wechselt die Regierungspartei, so werden oft als erstes Massnahmen der vorangehenden Regierung wieder neutralisiert oder sogar ins Gegenteil verkehrt. Die Regierungspartei ist ständigem Druck nach Handeln und Resultaten ausgesetzt, was, zusammen mit eher wenig nachhaltigen Denken, zu Schnellschüssen und Überreaktionen in politischen Entscheidungen führt.

Drittens gab es im Lindt-Café am Martin Place (siehe oben) kurz vor Weihnacht eine tragische Geiselnahme (Kurzfassung in Deutsch), die mit dem Tod von zwei Geiseln und dem Geiselnehmer endete. Sofort war von Terrorismus die Rede, die Nation war in Aufruhr, und der Premierminister versetzte das Land für die Feiertage in die höchste Alarmstufe ("code red"). Die Frage sei erlaubt, welche Alarmstufe ausgerufen würde, falls Nordkorea plötzlich zu einer Luftlandung ansetzte.

Viertens kam es in den vergangenen Jahren an Silvester mehrfach zu sogn. one-punch attacks, in denen jeweils ein Betrunkener in Rage geriet und von hinten einen Passanten anfiel. Letztes Jahr starb dabei eine Person. Das brachte das Fass zum überlaufen, die Bevölkerung verlangte Massnahmen, das Parlament von New South Wales setzte neue Gesetze in Kraft, die dann auch noch mit Übereifer umgesetzt wurden (siehe Security Managed Zone, oben). So dürfen Bars und Restaurants in Sydney z.B. nach 23:30 generell und nicht nur an Silvester keinen Alkohol mehr ausschenken. Die Politik sollte häufiger einfach die Polizei ihre Arbeit machen als sich von übers Ganze gesehen unbedeutenden Zwischenfällen zum Eingreifen verleiten zu lassen. Offenbar waren wenige Tage vor Silvester zusätzlich 3000 Polizisten zur Wahrung der Sicherheit des SYDNYE aufgeboten worden. Nochmals: in Australien lebt man sehr, sehr sicher.


Zusammenfassend wurde SYDNYE wenn nicht über-organisiert dann doch über-reguliert und -kontrolliert. Das Feuerwerk ist sehr sehenswert, zählt man aber den ganzen Rummel vorher und nachher dazu, dann lohnt es sich eher nicht. Ich will keineswegs sagen, dass man ohne Alkohol nicht lustig sein kann, aber hier wurde klar das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Lohnt es sich überhaupt noch, Sydney zu besuchen? — Ja, ohne Einschränkung, und besser 8 als nur 4 Tage!

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