Mittwoch, 9. März 2011

Interview — Teil 5 (Schluss)

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4


Coooo-eeee: Wir sitzen jetzt auf Eurer Terrasse in Bern — ist Dir kalt?

Oliver: Ich verstehe auch nicht, weshalb wir dieses Interview um 7 Uhr morgens machen müssen. Es ist unter null! In Neuseeland war Sommer! (Sommer ist für mich, wenn ich am Morgen nach dem Aufstehen nicht überlegen muss, ob ich kurze Hosen anziehen soll …).

Was ist mit den Pflanzen neben Dir los? Die sehen nicht so gesund aus.

Unser Untermieter — der nach eigener Aussage leidenschaftlicher Koch ist, sich bestens mit den Nachbarn versteht und einen grünen Daumen hat — erachtete es nicht für nötig, die Balkonpflanzen im Frühling aus- und im Herbst wieder einzupacken. Sind wohl alle erfroren. Die Nachbarn waren offenbar froh, als er das Haus wieder verliess. So lernt man die Leute kennen. 2000 und 2006 hatten wir dafür sehr gute Untermieter, das tröstet. Aber wären wir das Risiko nit eingegangen, dann müssten wir jetzt zuerst eine Wohnung suchen, oder wir hätten Bern gar nie verlassen, denn Jeannines Anfangstermin war ja vorgegeben. Auf Englisch sagt man, you can't keep the cake and eat it, too ("ds Füfi u ds Weggli").

Reisen

(klicken für Vergrösserung)

Wie war die Australien-Umrundung?

Das haben uns schon einige Leute gefragt, als sie hörten dass, wir drei Monate in Australien reisen. Dafür müsste man ein Jahr Zeit haben. Nein, wir haben Victoria noch etwas weiter erforscht, den südlichen Teil des Staats South Australia und Tasmanien. 10'000 km. Ah, und im September waren wir im Outback, 5'500 km (siehe Blog-Einträge).


Wart Ihr auch von den Überschwemmungen betroffen?

Nicht direkt, denn Queensland, wo sie am schlimmsten waren, war gut 2'000 km von unserer Reiseroute entfernt. In Victoria gab es Überschwemmungen, nachdem wir dort durchgereist waren. Indirekt waren wir aber ziemlich betroffen, den die Wetterausläufer stahlen dem Sommer die Show. Wohl hatten wir ums Neujahr 45°C, aber die wirklich schönen Tage und die lauwarmen Abende lassen sich fast an zwei Händen abzählen. Vor allem in Tasmanien hatten wir in gut drei Wochen nur fünf oder sechs wirklich schöne Tage. Und das im Hochsommer.

Was zieht so viele Leute nach Australien in die Ferien?

Australien ist landschaftlich sicher einzigartig und sehr divers. Dann haben die Leute auch gerne warm, wenn sie in die Ferien gehen. Was für mich vor allem zählt, ist das Gefühl von space (Raum). Es geht mir dabei nicht einmal so sehr um die unendlichen meist eher eintönigen Weiten, sondern dass man die Natur geniessen kann ohne störende, von Menschenhand erstellte Strukturen. Und dass man beim Campieren oft den Eindruck hat, man sei ganz alleine in der Natur. Ein paarmal hatten wir einen Campingplatz für uns alleine.

Ein australisches Paar, das Australien über ein Jahr lang mit dem Velo bereiste, erzählte uns, sie hätten auf den langen, öden Strecken meist neben einem Roadhouse campiert. Aber alle Europäer hätten beim Roadhouse nur Wasser aufgefüllt und hätten zwischen den Radhouses campiert, weil sie genau dieses Gefühl von space haben wollten.

Welche Tipps kannst Du unseren Lesern geben, wenn sie eine Reise nach Australien planen?

Erstens: Australien ist waaaaahnsinnig gross. Ausser man hat sechs Monate oder mehr Zeit, sollte man sich auf eine oder zwei Regionen beschränken. Es käme ja keinem Europäer in den Sinn, in drei Wochen von Stockholm über Lissabon nach Athen zu fahren.


Zweitens: Vergesst mal die klassische Route von Sydney nach Cairns, die Great Ocean Road oder den Ayers Rock (Uluru) . Obwohl extrem schön, sind die mittlerweile alle obertouristisch. Ich selbst bin richtig Fan von Victoria geworden. Da kann man locker einen tollen Monat verbringen. Alle scheinen dieselben Monumente besuchen zu wollen, die sie schon auf tausend Bildern gesehen haben — sucht doch zur Abwechslung mal "the Space" und erlebt die Natur, wo man sie fast für sich alleine hat.

Drittens: Australien ist "the World's Camping Nation". Und die schönsten Orte sind nicht etwa die Holiday Parks (siehe diesen Blog-Eintrag), sondern die ganz einfachen Campingplätze in den Nationalparks, Forest Parks, etc. Die sind in Victoria meist gratis (es gibt allein dort mindestens 300 davon), sonst kosten sie zwischen 5 und 13 Dollar pro Auto. Nur für etwa 10% davon braucht man einen 4x4 um hineinzukommen. Dieses Buch ist die Camping-Bibel: Camping in Victoria.
Am Morgen erwacht man meist zu Vogelgezwitscher oder zu Meeresrauschen. Das werde ich in der Schweiz sicher vermissen!

Was waren die Highlights Eurer Reise?

Uns hat die Küste der Eyre-Peninsula in South Australia extrem gut gefallen. Camping at its best! (Blog-Eintrag)

Dann hat uns Canberra sehr positiv überrascht. (Blog-Eintrag)

Der Otway-Nationalpark an der Great Ocean Road wird gerne übersehen — man fährt mittendurch —, wir haben dort fast eine Woche verbracht. Die Triplet Falls und der Walk dazu waren grossartig.


Beechworth, im Norden von Victoria, war die totale Überraschung; ein ehemals reiche Goldgräberstadt mit fast vollständig erhaltenem Kern.


Im Flugzeug über die Südspitze von Tasmanien zu fliegen und mit dem Boot durch den Bathurst Harbour zu fahren war umwerfend.


Was war eher enttäuschend?

Kangaroo Island wird sehr gut vermarktet, bietet aber eigentlich nicht mehr als das Festland auch. Zudem ist die Fähre teuer und das Camping mittelmässig. Können wir eigentlich nicht mit gutem Gewissen empfehlen.

Fast jeder Australier (mit wenigen Ausnahmen) haben unsere Erwartungen für Tasmanien sehr hoch gehen lassen. Der Wälder im Westen mit den schwarzen Flüssen (das Wasser ist vom Tannin von verrottenden Pflanzen gefärbt) sind toll, und die Kurzwanderungen (Blog-Eintrag) sind einzigartig.


Aber Tasmanien ist die Ferieninsen der Australier, und die Tasmanier scheinen der Invasion etwas müde. Es hat uns gut gefallen und ist empfehlenswert, doch vieles, was so gepriesen wird, findet man in Victoria auch. Und anderes ist in Neuseeland noch schöner. Wer aber richtig wilde, mehrtägige Wandertripps mit Zelt will, der ist hier goldrichtig. Dafür werde wir irgendwann nochmals hingehen!

Ist Reisen in Australien auf eigene Faust einfach oder schwierig?

Ich finde es sehr einfach, so lange man sich nicht wirklich ins Outback hinein begibt. Es gibt sehr gutes Karten- und Infomaterial und gute Reiseführer; überall hat es Bancomaten; mit Telstra hat man eine sehr gute Abdeckung mit dem Mobiltelefon und mobilem Internet (wireless broadband); grosse Supermärkte (Coles, Woolworths, Safeway) oder kleine (z.B. Foodworks) gibt's überall. Australien ist sicher und die Leute sind sehr hilfsbereit.

Fährt man auf Pisten oder gar auf eigene Faust im Outback, dann muss man sich vorher unbedingt genau informieren und mindestens mit zwei Fahrzeugen reisen. Es gibt Strecken, da kommt wochenweise niemand vorbei. Ein Satellitentelefon ist dann sicher ein gute Idee. Wir haben unser Thuraya mit der Swisscom-SIM-Karte betrieben; dadurch braucht man kein spezielles und teures Abo.

Hat sich Euer Kasbah bewährt?

Und wie! Australien ist genau das Land, um ein solches Fahrzeug zu nutzen. Wir haben das Auto ja für eine zukünftige Reise nach Südamerika aufgebaut, und es war zeitlich nur mit dem grossen Schuhlöffel möglich, es gerade noch rechtzeitig so weit fertigzukriegen, dass es überhaupt sinnvoll war, es nach Australien mitzunehmen. Inzwischen ist es, wenn auch noch nicht fertig (wird es das überhaupt jemals?), reisetauglich und bereits reiseerprobt. Wir sind eine Woche autark (Wasser, Lebensmittel) und haben eine Reichweite von über 2000 km, bevor wir wieder die Zivilisation brauchen (tanken, Wasser auffüllen, einkaufen, waschen, Akkus laden, etc.)


Wurdet Ihr oft auf das Auto angesprochen?

Zeitweise mehrmals täglich. Wir hätten es mehrfach verkaufen können, denn so etwas verkehrt in Australien kaum. Dort ist ein klassisches 4x4-Fahrzeug (Toyota Landcruiser, Nissan Patrol, o.ä.) mit oder ohne geländegängigen Anhänger gebräuchlich. Oder dann das normale, nicht geländefähige Wohnmobil in jeder Grösse.
Aus diesen Gesprächen haben wir sehr viel gelernt und viele interessante Leute getroffen. Ich komme mittlerweile zum Schluss, dass es sich lohnt, ein aussergewöhnliches Fahrzeug zu haben, egal wie alt oder modern. Ein umgebautes Feuerwehrauto wäre ideal. Man erfährt so viel Interesse und Unterstützung von der lokalen Bevölkerung, und etwas besseres kann einem beim Reisen gar nicht passieren: die Zeit der Locals zu haben und ihre Meinung zu ihrem Land, zu ihrer Regierung, zu ihren Problemen zu hören. Das entgeht einem, wenn man ein Nullachtfünfzehn-Vehikel unterwegs ist.

Wie viele Bilder habt ihr geschossen?

In dem Jahr in Melbourne ungefähr 1500 und beim Reisen gut 2000. Letztere sind immer noch "in der Mache", ich werde dann eine Auswahl ins Internet stellen und den Link in einem Blog-Eintrag bekanntgeben.


Ist Australien damit für Euch reisemässig abgehakt?

Ganz im Gegenteil. Wir haben ja erst ein bisschen vom Süden und vom Zentrum gesehen. Wir können uns dort leicht nochmals sechs bis zwölf Monate "beschäftigen". Aber nicht gerade nächstes Jahr.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für alle Beiträge, es hat spass gemacht mit euch zu reisen!

    AntwortenLöschen
  2. Na, das stell ich mir aber viel Arbeit vor, 3500 Bilder zu sortieren, auszuwählen und davon noch welche hochzuladen, nimmt sicher Tage, wenn nicht Wochen in Anspruch. Bin aber schon ganz gespannt. Fand euren Bericht sehr informativ, danke dafür!

    AntwortenLöschen